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Der archimedische Punkt von Führung, Lernen und Change

Der Philosoph Archimedes formulierte noch vor der Zeitenwende, dass er die Welt aus den Angeln heben könnte, wenn er dazu einen einzigen festen Punkt hätte. Mit seinen Hebelgesetzen und einem Flaschenzug soll dann im Sinne eines Nachweises der potenziellen Gültigkeit ein einzelner Mann ein vollbeladenes Schiff hochgehoben haben (http://de.wikipedia.org/wiki/Archimedischer_Punkt).

Wieso dieses “philosophische Vorgeplänkel” – es geht in diesem Blog doch um Führung.

Im Laufe meiner Beratungs- und Trainingstätigkeit meine ich die Analogie des archimedischen Satzes in der Psychologie entdeckt zu haben. Anders formuliert: Wie praktisch wäre es, wenn es einen Punkt beim Menschen gäbe, der – in entsprechender Weise berücksichtigt und gestaltet – den Erfolg von Führung, Lernen und Change bestimmen würde.

Diesen Punkt möchte ich hier einmal anhand einer Geschichte von Paul Watzlawick herleiten und dann die Konsequenzen für Führung, Lernen und Change kurz diskutieren.

Die Geschichte zunächst, mit der wir das Thema angehen, ist dem kleinen Büchlein von Paul Watzlawick entnommen: Anleitung zum Unglücklichsein – Meiner Ansicht nach Basislektüre für jede Führungskraft und natürlich für jeden, der tiefer gehen möchte in die Mechanismen von Widerstand, Konflikt und letztlich Selbstverantwortung – letztlich auch Kernthemen von Führung, oder.

Also – die Geschichte:

Die Geschichte mit dem Hammer

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüber zu gehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen ? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er »Guten Tag« sagen kann, schreit ihn unser Mann an: »Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!«

(aus: Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein)

Wie wirkt diese Geschichte auf Sie als Leser? Welche spontanen Gedanken und Wertungen kommen, wenn wir uns in den Mann an der Tür, der öffnet, hineinversetzen; und das tun wir als Leser ganz spontan.

Was ich immer wieder zu dem ‘Hammerbedürftigen’ höre, wenn ich mit dieser Geschichte arbeite:

Psychopath, der hat sie doch nicht mehr alle, Kopfkino, kurz vor der Nervenheilanstalt, Neurotiker, Pessimist, Verschwörungstheoretiker …

Und von allem ist etwas drin in dieser Geschichte. Aber die Geschichte wäre nicht so wertvoll, wenn solch spontanes Bewerten nicht auch eine andere Richtung hätte.
Was auch zu hören ist…

der hat Angst, kennt Enttäuschungen, hat schon Übles erlebt, fühlt sich minderwertig usw.

Auch das stimmt irgendwie.

Und mit dieser Schiene machen wir jetzt mal weiter. Warum?
Tja, ganz einfach. Wenn wir unsere Bewertungen mit negativem Vorzeichen laufen lassen würden, wie würden wir dann wohl reagieren. Richtig: Wir schlagen die gerade geöffnete Tür sofort wieder zu. Bestenfalls stellen wir vorher noch die Frage: Sagen Sie mal, was ist denn mit ihnen los? Und diese Frage kommt wahrscheinlich aus einer inneren Irritation, aus einer Vorsichtshaltung, um den “vermeintlichen verbalen Angriff” erst mal zu parieren.

Auf die Frage, wer mit hoher Wahrscheinlichkeit die Tür gleich wieder zumachen würde und sich dabei innerlich mit dem Zeigefinger an die Schläfe tippt, melden sich in aller Regel mehr als 80% meiner Teilnehmer – und deutlich weniger häufig Teilnehmerinnen.

Spannend wird es dann, wenn ich Teilnehmer meiner Seminare auffordere, jetzt mal zu versuchen, mit diesem Menschen in Kontakt zu kommen, in Kommunikation zu treten; herauszufinden, was mit ihm los ist.
Die dann folgenden Versuche werden dann im Sinne kleiner Szenen angespielt und die Plausibilität meiner Reaktionen – ich mime dann gerne den ‘Hammerbedürftigen’ – in der gemeinsamen Diskussion bewertet.

Auf die oben schon genannte Frage: Ja, was ist denn mit Ihnen los? antworte ich dann gerne mit einer Gegenfrage: Ja was soll wohl mit mir los sein. Wenn einer wie Sie mir nicht mal einen Hammer leihen möchte, ja da muss man sich doch aufregen.

Dann mein Gegenüber: Sie sind ja gut. Was behaupten Sie denn da.

Dann ich: Jetzt tun sich bloss nicht so, als ob…

Und so weiter… Und Sie merken, der Punkt ist nicht mehr fern, wo dann doch die Tür zugeht. Irgendwie schwant uns, dass das so nicht gehen kann. Wir spüren, dass der andere offensichtlich einfach nicht will. Und wir machen dann doch, vielleicht resigniert die Tür zu. Und das dürfen Sie ruhig metaphorisch verstehen.

Und was, wenn dann die Tür zu ist. Wie geht es jetzt unserem ‘Hammerbedürftigen’?

Genau. Der sagt sich: Ich hab’s doch gewusst. So sind sie halt die Nachbarn, die Menschen, wenn man etwas von ihnen will. Dann lassen sie einen im Regen stehen.

Und dass selbst bei optimalen Versuchen des Nachbarn in der Tür der ‘Bedürftige’ nicht mitspielt, hat damit zu tun, dass nach der Vorgeschichte und der klar erfolgten (emotional-seelischen) Festlegung: So sind sie, die Nachbarn, kaum noch ein Rückweg offen ist. Denn auch auf verständnisvollstes Werben unseres Hammerbesitzers wird unser Bedürftiger nicht sofort sich öffnen, denn nichts fürchten wir so sehr, wie Gesichtsverlust, zuzugeben, dass wir anderen Unrecht getan haben.

Und es geht unserem Kandidaten jetzt erst mal gut, denn er findet das bestätigt, was er in seinem Zweifel (s. die Geschichte oben) voraussetzt, ja schon ziemlich überzeugt annimmt. Der andere will nicht. Darf nicht wollen!

In der Psychologie nennen wir das, was hier dynamisch vor sich geht einen “Selffulling Prophecy”, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Und jetzt geht es unserem Kandidaten spontan besser. Denn er findet Bestätigung des Wichtigsten, was wir, die Spezies Mensch jeden Tag und immer wieder brauchen und mit allerlei Tricks und Vollen anstreben: Die Welt ist so, wie ich sie sehe. Voilà! Und es wird mir gelingen, durch mein Verhalten die anderen so zu manipulieren, dass sie in dieses Spiel einsteigen.

Fakt ist für unseren Kandidaten aber auch, dass er jetzt eben keinen Hammer hat. Dass er jetzt vielleicht zu Obi gehen, und Geld über die Theke schieben muss. Ein teures Leben, wenn es uns nicht gelingt, diesen psychodynamischen Prozess zu moderieren.

Jetzt werden sich manche fragen, was das mit Führung zu tun hat, wenn hier einer einfach nicht einzufangen ist und wenn er sich schon unglücklich machen will, dann soll er doch! Und – wann kommt er denn endlich zu diesem angekündigten Punkt.

Gemach, gemach – was wir noch klären müssen: Warum macht dieses Verhalten für unseren Kandidaten absolut Sinn, ja – ich will mich sogar zu der Behauptung versteigen, dass er einen wirklich guten Job macht, wenn der Nachbar die Tür zumacht, wenn nicht gar zuschlägt.

Das können wir nur verstehen, wenn wir uns klar machen, dass es hinter unserem Verhalten, das nach außen manchmal paradox, unverständlich oder sogar inakzeptabel erscheint, sehr häufig etwas sich verbirgt, das wir in der Psychologie den “Sekundären Nutzen” bezeichnen. Nicht sofort erkennbar, aber das Eigentliche für uns.
Sie fragen sich jetzt vielleicht: Ja was denn nun? Was ist es denn hier in dieser Geschichte?

Gut, erzählen wir diese Geschichte mal anders, dann wird aus dem Ganzen ein Schuh, dann wird die Psychologik, die sich hier im Verhalten manifestiert, unmittelbar deutlich und wir sind an dem Punkt, dessen kompetentes “Management” den Unterschied in der Führungseffizienz ausmacht.

Unser Kandidat geht also mit all den Gedanken und dieser inneren Eskalation hinüber zum Nachbarn, dieser öffnet und unser ‘Bedürftiger’ nimmt sich ein Herz und sagt etwas Folgendes: Hallo Herr Nachbar, ob Sie’s glauben oder nicht – eben habe ich in meiner Wohnung beschlossen, mir von ihnen einen Hammer zu leihen, weil ich ein Bild aufhängen möchte und keinen Hammer habe. Und da kam mir ein Zweifel…

Und dann erzählt er die Geschichte weiter wie im Originaltext und schließt mit der Bemerkung: Etwas verrückt oder, denn Sie werden mir den Hammer ja leihen.

Daraufhin der Nachbar: Leider, leider, in diesem Fall kann ich das nicht, denn mein Hammer ist ein sehr spezieller Hammer, der, ob Sie’s glauben oder nicht, nicht so einfach zu handhaben ist und den ich deswegen nicht gerne aus der Hand gebe. Schauen Sie doch eine Tür weiter. Da wird das bestimmt funktionieren, denn ich weiß das der andere Nachbar einen Hammer hat.

So, und jetzt?

Was passiert bei unserem Kandidaten? Was ist im da gerade widerfahren? Etwas, das wir alle aus unserer ganz praktischen Lebenserfahrung, beginnend in ganz frühen Jahren erfahren haben: Dass unsere Bedürfnisse, ja manchmal unsere Überlebensbedürfnisse – und ich meine hier die emotional-seelischen – nicht erkannt und schon gar nicht berücksichtigt werden. Dass wir zurückgewiesen werden – lass mich in Ruhe mit Deinem Mist – Ablehnung erfahren.

Und jetzt mal ganz im Ernst: Wer hat darauf Lust?

Und jetzt sind wir an dem Punkt, von dem ich hier auch im weiteren auf meinem Blog sprechen und den ich für effiziente Führung nutzen möchte, spreche:

Unser Kandidat entwickelt seine Geschichte vor dem Hintergrund der Angst, abgewiesen zu werden, nicht verstanden zu werden. Und das will er vermeiden. Also konstruiert er seine Gedanken so, dass durch sein Verhalten der Gegenüber sich zwar ablehnend verhält, dass sich unser Kandidat das aber nicht anrechnen lassen muss, dass er nicht das schlechte Gefühl haben muss, sich geöffnet zu haben, seine Bedürfnisse artikuliert zu haben und dann dafür eine Abfuhr zu erhalten: Du interessierst mich nicht, bist mir nicht wichtig, da könnte ja jeder kommen, was bildest Du Dir da eigentlich ein usw.

Klingt hier etwas… Gut!

Und so sagt er: Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel… und muss nicht riskieren, dass sein Selbstwertgefühl verletzt wird, indem er eine selbst zu verantwortende (ich hätte gar nicht erst fragen sollen) Ablehnung und Zurückweisung erfährt.

Eine existenzielle Grundangst, die uns alle ein Leben lang begleitet. Davon dann später mehr.

Dieses permanent im Hintergrund pulsierende Bedürfnis nach Selbst(wert)schutz, die Aufrechterhaltung eines stabilen, positiven Selbstwertgefühls, ist der eine Punkt, an dem menschliche Effizienz entsteht und jeder Versuch der Beeinflussung im Kontext Führen, Lernen und Change ansetzen sollte. Ich nenne ihn den roten Punkt, den archimedischen Punkt, um die Möglichkeiten von Menschen, Teams und Organisationen auszuschöpfen und zu entwickeln.

Und darauf Führung, Lernen und Change aufzubauen, ist die Herausforderung mit der wir hier weitermachen werden.

Georg Pfreimer  .  19. September 2017